Hildesheim




Bischofshaus Domhof 25 und Dom Mariä Himmelfahrt Domhof 9


Bischof Dr. Joseph Godehard Machens (1886-1956)
Der Hildesheimer Bischof Dr. Joseph Godehard Machens entwickelte sich im Dritten Reich von einem unerfahrenen und vorsichtigen Menschen zu einem mutigen Kritiker der Nationalsozialisten, ihres Staates und ihrer Weltanschauung. Am Schluss gab er sich als gefährlicher Gegner des NS-Regimes zu erkennen, das er wegen der Menschenrechtsverletzungen scharf angriff und herausforderte. Dieser katholische Bischof riskierte, dass man ihn aus seinem Bistum vertrieb und ihn möglicherweise sogar einen Hochverratsprozess machte. Der Hildesheimer Bischof Machens ist in seiner Gegnerschaft zum Dritten Reich mit dem Münsteraner Bischof von Galen zu vergleichen. Im Zweiten Weltkrieg veränderte sich Machens erneut. Aus dem ursprünglichen Patrioten, der an den deutschen Endsieg und an einen gerechten Krieg glaubte, wurde ein ängstlicher Mann, der die Kriegseinwirkungen als persönliche Strafe für seinen Vaterlandssinn und als "Kollektivbuße" der Deutschen für den Nationalsozialismus hinnahm.
Die entscheidende Wende in der Politik von Bischof Machens war durch die päpstliche Enzyklika "Mit brennender Sorge" von Pius XI. 1937 eingeleitet worden. Besonders ging es ihm damals um die Menschenrechte, deren Bewahrung er in der Öffentlichkeit vom NS-Staat einklagte. Das ureigene Menschenrecht auf Leben forderte er grundsätzlich für alle Menschen. Mit dieser Forderung verließ der Bischof den innerkirchlichen Raum. Er tangierte das NS-Regime an seiner empfindlichen Stelle- nämlich seiner Ideologie. Machens zog die ungeteilte Aufmerksamkeit des NS-Staats auf sich. Die Gestapo überwachte ihn und zitierte ihn 1941 zum Verhör. Es gab mehrere Prozessionen Wallfahrten, Messen und ähnliche kirchliche Veranstaltungen in Hildesheim und Umgebung, die zu eskalieren drohten, weil Parteimitgliedern der NSDAP, SA und SS den Bischof und seine Gefolgsleute "anpöbelten". Schließlich drohte der Gauführer dem Bischof offen auf dem Hildesheimer Marktplatz. Es war der Verlauf des Zweiten Weltkrieges 1943-1944, der den Zugriff der Gestapo auf ihn verhinderte. Dr. Machens widerlegte die NS-Rassenideologie" nicht nur theoretisch, sondern er setzte sich für Juden, Zigeuner und Behinderte usw. mutig ein. Die jüdische Gemeinde nannte ihn 1956 einen Freund und großen katholischen Bischof
Machens

 Bischof Dr. Joseph Godehard Machens
Foto G. Vogt Privat







Bischöfliches Generalvikariat Pfaffenstieg 2
Generalvikar Dr. Otto Seelmeyer (1877-1942)
Seelmeyer


Generalvikar Dr. Otto Seelmeyer
Fotos Bistumsarchiv Hildesheim
Das Gebäude am Hildesheimer Pfaffenstieg 2 diente von 1905 bis etwa 1974 dem Bistum Hildesheim als Generalvikariat bzw. als oberste Verwaltungsbehörde. Chef dieser Behörde ist der Generalvikar. In der NS-Zeit gab es zwei Generalvikare, die an der Seite des katholischen Bischofs Machens die kirchliche Position gegenüber der Staatsmacht behaupteten. Schon 1929 war Dr. Otto Seelmeyer Generalvikar geworden. Er war ein erfahrener "Verwaltungsmann" und ein scharf denkender Kopf, der den jungen Machens als väterlichen Freund seit 1934 beriet. Dem Generalvikar wurde 1935 ein Devisenprozess gemacht, womit der NS-Staat nicht nur den Nerv der Verwaltung des Bistums empfindlich traf, sondern auch gezielt die Proteste des katholischen Bischofs schmälerte, der bis dahin gegen die Weltanschauung des Nationalsozialismus in das Feld gezogen war. Der Generalvikar saß in einem Berliner Zuchthaus. Er wurde gequält und misshandelt. Der Prozess gegen Seelmeyer war einer von vielen Schauprozessen, die vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda gegen Mitglieder der katholischen Kirche inszeniert wurde. Häufig endeten diese Prozesse mit dem Todesurteil gegen den Angeklagten. Mit einem solchen Urteil rechnete man auch in Hildesheim. Das Domkapitel suchte für den Generalvikar eine Grabstätte auf den Annenfriedhof beim Dom aus. Mit Hilfe des Apostolischen Nuntius Eugenio Pacelli und Mitarbeitern des Jugendhauses in Düsseldorf kam Dr. Seelmeyer entgegen allen Befürchtungen mit einer hohen Geldstrafe davon. Nach seiner Haft kehrte er als gebrochener Mann nach Hildesheim zurück, wo er 24. Januar 1942 starb.
Generalvikar Dr. Wilhelm Offenstein (1889-1964)
Die Nachfolge im Amt des Generalvikars trat 1936 Dr. Wilhelm Offenstein an, der seinen Vorgänger Seelmeyer schon kommissarisch vertreten hatte. Seinen Doktortitel erwarb Offenstein in Rom und seine ersten seelsorglichen Erfahrungen sammelte er im Ersten Weltkrieg. Damals stand er als katholischer Priester an der Front den Soldaten bei. Auf der einen Seite war er ein motivierter Priester, während er sich auf der anderen Seite im Zentrum engagierte. Als Abgeordneter dieser Partei wurde er in den Reichstag gewählt, wo er sich 1930 bis 1933 z.B. für den Erhalt der katholischen Schulen starkmachte. In seinen Wahlkampfreden war er entschlossen gegen die Nationalsozialisten aufgetreten. Mit der Ernennung zum Hildesheimer Generalvikar endete seine politische Laufbahn. Inzwischen war es seine Aufgabe, die Politik seines Bischofs vorbehaltlos zu unterstützen. Dr. Offenstein erfüllte diese Aufgabe. Schließlich waren die politischen Ziele des Bischofs auch seine eigenen. Gemeinsam mit ihm verteidigte er die Rechte und Freiheiten der katholischen Kirche mutig gegen den NS-Staat. Zweifellos wagte er viel, als er sich schützend vor Dr. Machens, der von den Nationalsozialisten bedroht wurde. Letztendlich war es Dr. Offenstein, der den Sturm der SA auf das Hildesheimer Bischofshaus verhinderte. Dieser Generalvikar war ein couragierter Mann.
Offenstein

Generalvikar Dr. Wilhelm Offenstein
Foto Bistumsarchiv Hildesheim
Bischöfliches Gymnasium Josephinum Domhof 7

Auch das Josephinum war eine Konfessionsschule im Trägerschaft des Bischöflichen Stuhls von Hildesheim. Dieses Gymnasium war praktisch die "Kardaschmiede" der Hildesheimer Kleriker. Schüler, die sich in der Oberstufe entschlossen, katholischer Priester zu werden, erhielten ein Stipendium. Als humanistische Lehranstalt genoss das Josephinum einen ausgezeichneten Ruf. Es nahm auch evangelische und jüdische Schüler auf. In der Weimarer Republik besuchten etwa 1 bis 2% Juden die Schule. Zwischen den jeweiligen Bischof und dieser Schule bestanden nicht nur wegen ihres rechtlichen Status enge Verbindungen. Bischof Machens betrachtete das Josephinum als die Schule, die unter den Konfessionsschulen in der Hildesheimer Diaspora den höchsten Rang einnahm. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel setzte sich der Bischof für den Erhalt des Josephinums ein. Machens wandte sich sogar in dieser Angelegenheit an den Papst. Doch schließlich waren alle seine Bemühungen vergebens. Am 10. November 1942 gelangte die bischöfliche Schule in staatliche Trägerschaft.



                                       Aula des Josephinums bei Feierstunden 1939
Foto aus: Julius Seiters: Im Schatten des Domes, das Gymnasium Josephinum im 19. und 20. Jahrhundert, Hildesheimer Chronik Bd. 3, (Hg.) Bistumsarchiv und Dombibliothek, Hildesheim 1999,        S. 169.









St. Magdalenenkirche Mühlenstraße 23
Kardinal Dr. Adolf Bertram (1859-1945)
In der Magdalenenkirche wurde 1859 Johannes Adolf Bertram getauft. Der Junge wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Sein Vater war selbstständiger Tuchhändler. Familie Bertram gehörte zu der kleinen katholischen Minderheit, die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Stadt Hildesheim lebte. Von Gros der evangelischen Bevölkerung hob auch sie sich durch die Pflege von typisch katholischen Traditionen ab. Der Sohn Adolf besuchte das bischöfliche Gymnasium Josephinum, aus dem sich der katholische Priesternachwuchs des Bistums Hildesheim rekrutierte. Für diesen Beruf, den er als Berufung betrachtete, entschied er sich. Nach seinem Studium und der Promotion- beides meisterte er hervorragend- wurde er in der Verwaltung des Bischöflichen Generalvikariates in Hildesheim angestellt. In einer Gemeinde hatte er wegen eines Sprachfehlers nicht arbeiten können. Das Wilhelminische Kaiserreich prägte die Denkungsart des jungen Mannes. Adolf Bertram entwickelte sich zu einem kompetenten Verwaltungsfachmann und ernstzunehmenden Geschichtswissenschaftler in einer Zeit, in welcher der preußische Staat den Kulturkampf gegen die katholische Kirche führte. Seitdem fürchtete er den Dualismus, der das Verhältnis zwischen Kirche und Staat schwer belasten konnte.

Seine Wahl zum Bischof von Hildesheim kam für Adolf Bertram 1906 überraschend. Das Bischofsamt betrachtete er als eine persönliche Herausforderung. Die Ausbildung des Priesternachwuchses erklärte dieser Bischof zur "Chefsache" in seinem Hildesheimer Episkopat, der von 1906 bis 1914 dauerte. Ebenso legte er auf die seelsorgliche Betreuung der polnischen Wanderarbeiter besonderen Wert. Dem Ruf des Papstes 1914 nach Breslau auf den dortigen Bischofsstuhl folgte er ungern. Als Abschiedgruß richtete der Bischof an seine Hildesheimer Diözesanen einen "flammenden" Hirtenbrief, in welchem er patriotisch für die Verteidigung seines Vaterlandes im Ersten Weltkrieg eintrat.


Kardinal Fürstbischof Dr. Adolf Bertram
Foto Bistumsarchiv Hildesheim
In Breslau stieg Bertram rasch zu weiteren kirchlichen Würden auf. 1916 wurde er Kardinal und 1920 übernahm er als ranghöchster preußischer Bischof den Vorsitz der deutschen Bischofskonferenz in Fulda. Als Vorsitzender dieser Konferenz trug er die politische Verantwortung für die katholische Kirche in Deutschland. Diese Aufgabe wurde besonders nach der Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 schwierig, weil deren Weltanschauung im offenen Widerspruch zum Christentum stand. Doch Bertram unterschied zwischen der NS-Ideologie und der Regierung, die für ihn die "gottgesetzte Obrigkeit" war. Dem NS-Staat begegnete er auf der diplomatischen Ebene. Der Kardinal mahnte und protestierte gegen die Konkordatsbrüche aus Berlin.

Schon damals zeichnete es sich ab, dass es der NS-Staat nicht nur auf die Traditionen und Rechte der katholischen Kirche in Deutschland abgesehen hatte, sondern auf ihre “Zerstörung” abzielte. Diesem Ziel konterte Kardinal Bertram mit einer eher defensiven politischen Taktik, mit der sich einige Bischöfe wie Prysing und von Galen aber nicht einverstanden erklärten. In der deutschen Bischofskonferenz fand man spätestens seit der Veröffentlichung der Enzyklika: "Mit brennender Sorge" 1937 kaum noch einen gemeinsamen politischen Nenner. Die Politik des deutschen Episkopats präsentierte sich inzwischen nicht mehr aus einem Guss. Die Dissonanzen in Fulda erleichterten den Nationalsozialisten ihr Vorgehen maßgeblich. Skeptisch beobachtete der inzwischen greise Kardinal die Kritiker aus seinen eigenen Reihen. Auch der Hildesheimer Bischof Machens sagte sich 1943 von ihm los. Damals ging es um die Deportation von Zigeunerkindern aus dem Bistum Hildesheim. Für Machens blieb die erhoffte Hilfe aus Breslau aus, obwohl sich Bertram tatkräftig für die Bewahrung der Menschenrechte einsetzte und Gabriele Gräfin Magnis unterstützte, die als "Sonderbeauftragte" für katholische Nichtarier in Oberschlesien arbeitete. Kardinal Adolf Bertram war ein Mann, der seine Amtspflichten vor seine Überzeugung stellte.
Katholisches Kirchenblatt Domhof 15

Prof. Dr. Konrad Algermissen (1889-1964)
Der Professor war einer der bedeutenden katholischen Wissenschaftler seiner Zeit. Seine Forschungsgebiete waren hauptsächlich der Bolschewismus und der Nationalsozialismus. Nach der Veröffentlichung seines Buches: "Germanentum und Christentum", in welchem er die Weltanschauung des Nationalsozialismus 1934 widerlegt hatte, musste er vorübergehend in die Niederlande fliehen. Später, nach seiner Rückkehr nach Hildesheim, genoss er als Mentor des jungen Bischofs bald alle kirchlichen Privilegien. Die Gedankenwelt von Dr. Machens beeinflusste er maßgeblich. Vom Bischof wurde er noch zusätzlich mit verschiedenen Arbeiten beim Katholischen Kirchenblatt beauftragt, das sich zum "Sprachrohr" der kirchlichen Meinung in der Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten entwickelte.




                                  Prof. Dr. Konrad Algermissen in fortgeschrittenen Alter,
                                               Foto Bistumsarchiv Hildesheim







Marienschule Brühl 1-3

Als am 15. Januar 1935 "die Heimkehr der Saar zum Reich gefeiert" wurde, jubelten auch Schülerinnen dieser Schule. Sie teilten ihre Freude mit vielen ihrer Zeitgenossinnen, die den Anschluss des Saarlandes an das Deutsche Reich als notwendige Korrektur des Versailler Vertrages" verstanden. Der NS-Staat konnte auch die katholische Jugend für seine Politik begeistern. Bald konkurrierte er mit der katholischen Kirche um die Jugend, was sich im Bistum Hildesheim besonders im "Schulkampf" ausdrückte. Die Entkonfessionalisierung der Schulen war ein erklärtes Ziel der Nationalsozialisten, das sie auch erfolgreich umsetzten. Die Marienschule war eine katholische Konfessionsschule, die von Orden der Ursulinen geleitet wurde. Die Schule  teilte das Schicksal vieler katholischer Lehranstalten, als sie mit Erlass vom 2. Oktober 1930 aufgehoben wurde.




Klassenfoto von 1936 mit jüdischen Mitschülerinnen, die im Jahr darauf auswanderten
 Fotos aus: Marienschule 1846-1996 150 Jahre, Hildesheimer Chronik Bd.1, (Hg.) Bistumsarchiv            und. Dombibliothek, Hildesheim 1996, S. 103





Priesterseminar Brühl 16
Pfarrer Joseph Müller (1894-1944)
Pfarrer Christoph Hackethal (1899-1942)
Im Priesterseminar wurde die junge Generation der Hildesheimer Seelsorger erzogen. Das Ausbildungsangebot am Seminar war auf den Priesternachwuchs zugeschnitten. Es wurden u.a. gelehrt: Kirchengeschichte, Dogmatik, Pfarrverwaltung, Rhetorik usw.
Die wissenschaftliche Einrichtung pflegte auch die Disputation und Diskussion über aktuelle Themen. Ein solches Thema war spätestens seit 1933 die Weltanschauung des Nationalsozialismus, mit der sich die jungen Priester kritisch auseinandersetzen. Schließlich stand diese Weltanschauung im offenen Widerspruch zum Christentum- so stellte man hier fest. Die Weltanschauung des Nationalsozialismus lehnte das Gros der katholischen Priesterschaft ab, es gab wenige Seelsorger im Bistum, die sich für den Führerstaat mit seinen Idealen begeistern konnten. Der Großteil von ihnen geriet mit dem NS-Staat in Konflikt. Schließlich es gab einige, die diese Auseinandersetzung mit dem Leben bezahlten. Zu ihnen gehörten Joseph Müller aus Groß Düngen und Christoph Hackethal aus Bündheim am Harz.
Joseph Müller wurde am 28. August 1944 wegen Wehrkraftzersetzung- Müller hatte einen politischen Witz erzählt- durch den Volksgerichtshof unter Freisler zum Tode verurteilt. Der Angeklagte wurde aufgrund von Denunziation erhoben. Das Urteil wurde am 11. September 1944 vollstreckt.
Am 18. April 1941 wurde Christoph Hackethal durch die Gestapo verhaftet. Ihm wurde zur Last gelegt, seine Kompetenzen als katholische Priester überschritten zu haben, weil er polnische Zwangsarbeiter seelsorglich betreut hatte. Am 26. Juli 1941 wurde er in das KZ Dachau eingeliefert, dort starb er am 28. August 1942 wie man behauptete an Lungenentzündung.


                   

                                  Pfarrer Joseph Müller (rechts) beim Empfang    
                                  von Bischof Machens (links) anlässlich einer   
                                            Firmung in Groß Düngen
                                         Foto Bistumsarchiv Hildesheim





Pfarrer Christoph Hackethal
Foto Bistumsarchiv Hildesheim




Am Lappenberg


Im 15. Jahrhundert ist die jüdische Gemeinde in Hildesheim aufgelöst, die Synagoge wird abgerissen, der Friedhof anderweitig verwendet. Nur vereinzelt leben Juden mit Ausnahmegenehmigungen in der Stadt. Erst ab dem frühen 17. Jahrhundert wird nach und nach der ehemalige Lumpenberg (Lappenberg) der Stadt  durch jüdische „Neubürger“ (ohne Bürgerrechte) besiedelt.
Im Zuge der Emanzipation des 19. Jahrhunderts erreicht die nicht sehr wohlhabende jüdische Gemeinde den Neubau einer Synagoge am Lappenberg.  Am 8.11.1849 wird sie durch den Rabbiner Dr. Landsberg eingeweiht. Bei der Finanzierung beteiligen sich auch die Stadt Hildesheim und viele christliche Spender. Die Gemeinde vergrößert sich, und  auch die jüdische Schule muss in den Jahren 1859 und dann noch einmal 1881 erweitert werden.
In den folgenden Jahrzehnten werden, wie sonst überall auch, die jüdischen Bürger Hildesheims zunehmend Repressalien und Schikanen ausgesetzt. Obwohl sie nun als vollwertige Bürger der Stadt gelten und sich im Ersten Weltkrieg als Soldaten für das Deutsche Reich einsetzen, treibt man sie stetig in die gesellschaftliche Isolation. Viele von ihnen erkennen die Zeichen der Zeit und verlassen ihre Heimat.
 Während des Dritten Reiches wird zum Andenken an den missglückten Putsch des 9. November 1923 jährlich an diesem Tag die Vereidigung der neuen SS-Mitglieder zelebriert.
Auch am 9. November 1938 wird dieses Ereignis vorbereitet.
Die vorangegangenen Ereignisse in Paris (einen Tag vorher erschießt der 17jährige Jude Herschel Grynszpan den deutschen  Botschaftssekretär  von Rath) haben nun allerdings dem NS-Regime den Vorwand geliefert einen massiven Schlag gegen jüdische Einrichtungen  zu führen.
In der Nacht zum 10. November wird von einem aus zehn SS-Männern bestehenden Trupp nach der Vereidigung am Galgenberg die Synagoge in Brand gesteckt. Die anrückende Feuerwehr wird aufgehalten und erst nach einer gewissen Zeit zum Brandort vorgelassen. Sie erhält allerdings die Order, ausschließlich die umliegenden, durch Funkenflug und die enorme Hitze der brennenden Synagoge extrem gefährdeten Häuser zu schützen. Trotzdem richten einige beherzte Feuerwehrmänner das Löschwasser auch auf die Synagoge. Diese ist aber zu der Zeit schon nicht mehr zu retten. Jüdische Anwohner versuchen, aus dem brennenden Gebäude Wertgegenstände (Leuchter, die Thora,...) zu retten, werden aber von Gestapo- und SS-Männern weggejagt, zum Teil brutal zusammengeschlagen.
Noch in der Nacht werden jüdische Männer aus ihren Wohnungen heraus verhaftet und in das Gestapogefängnis  (Straße der SS / Ecke Adolf-Hitler-Straße   heute: Kaiserstraße / Ecke Bahnhofsallee) gebracht.
Am Vormittag des 10. November 1938 werden dann die verhafteten Juden  aus dem Gestapo-Gefängnis in einem entwürdigenden  „Schandmarsch“  ohne Hosenträger und Schnürbänder durch die Stadt getrieben. Dort wurden noch in der Nacht zahlreiche Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeworfen. Langsam wird die Gruppe an den demolierten Läden vorbei geführt, die an diesem Morgen ganz offen von SS-Trupps geplündert werden. Obwohl der Einsatzleiter der Polizei von sich aus diesen Elendszug verkürzt, führt der demütigende Weg durch viele belebte Straßen, schließlich einmal um die ausgebrannte, noch schwelende Ruine der Synagoge herum und letztlich  in das Gerichtsgefängnis im ehemaligen Godehardikloster, nicht weit vom Lappenberg entfernt . Von dort aus werden viele Juden in den nächsten Tagen zunächst nach Hause entlassen, einige aber werden schon zu diesem Zeitpunkt über Hannover in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Einige Tage später sind alle Geschäftsschilder jüdischer Firmen aus Hildesheim verschwunden. Am 27. Januar 1942 hört die jüdische Gemeinde Hildesheims auf zu existieren .

Das Mahnmal am Lappenberg
Dieser Kubus erinnert seit 1988 an die Zerstörung der Synagoge als Teil des Pogroms am 9. November 1938 in unserer Stadt. Auf dem Gelände der zerstörten Synagoge zeigt eine kleine Natursteinmauer, errichtet auf den freigelegten alten Fundamenten, den Verlauf eines Teils der Außenmauern der Vorhalle im Westen, des achteckigen Hauptschiffes im Süden und des Halbrunds der Apsis im Osten.
Das 2,00 m breite und 2,30 m hohe Denkmal aus rötlichem oberitalienischen Kalkstein steht im Zentrum des alten Haupthauses auf einem Bronzesockel und wird bekrönt von einer Bronzeplastik des himmlischen Jerusalems, getragen von vier Löwen, dem Wappentier des Stammes Juda,. Die vier Seiten wurden nach einem Entwurf des Kölner Bildhauers Elmar Hillebrand von je einem Künstler geschaffen.
Jede Seite wird durch den unterschiedlich gestalteten, bis zu den Kanten reichenden Davidstern gegliedert, und zeigt jeweils drei Feldzeichen der zwölf Stämme Israels. Aus der jeweilig erdwärts zeigenden Spitze des Sterns fließt aus einem Wasserspeier ein dünner Strahl Wasser in eine Schale wie Wasser aus einem Felsen als Quelle des Lebens und Zeichen der Hoffnung.
Im Osten, in Richtung der Stadt Jerusalem, zeigt die „Seite der Erwählung“ im Zentrum den brennenden Dornbusch als Symbol des Bundes Gottes mit dem auserwählten Volk Israel. Dargestellt sind dazu die Themen Arche Noah, der Durchzug der Israeliten durch das rote Meer und der Untergang der Feinde.
Die „Seite des Gesetzes“ im Süden wird symbolisiert durch die Gesetzestafeln, die Moses von Gott für das Volks Israel erhalten hat.
Die „Seite des Kultes“ behandelt auf der Nordseite beispielhaft das Pessach- und  das Jom-Kippur-Fest. Im Zentrum steht der siebenarmige Leuchter. Er wird umrahmt durch die Abbildungen von Kultgegenständen.
Die Westseite zeigt die Verfolgung des jüdischen Volkes von der Babylonischen Gefangenschaft bis zum Holocaust und zur Gegenwart. Im Mittelpunkt dieser „Seite der Verfolgung und des Holocaust“  steht die brennende Hildesheimer Synagoge von 1938 und, etwas kleiner, die Andeutung des brennenden Hildesheims im Frühjahr 1945. Der Vorhang, der am Fuße aller Seiten das Denkmals symbolisch verhüllt, ist an dieser Seite zerschlissen, und Totenschädel werden sichtbar.





Das Massengrab auf dem Nordfriedhof                                                                           Markus Roloff


Sämtliche Opfer der Massenhinrichtungen der Gestapo auf dem Hildesheimer Marktplatz und aus dem Polizei-Ersatzgefängnis wurden in einem Massengrab auf dem Nordfriedhof bestattet. Lediglich ein deutscher Mann, der von der Gestapo in der Gartenstraße 20 erschossen worden war, bekam ein namentlich gekennzeichnetes und separates Grab. Der Transport zum Massengrab und die Bestattung der Leichen ließ die Gestapo von zwei russischen „Hilfswilligen“ ausführen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges suchte das Italienische Rote Kreuz auch in Hildesheim nach vermißten Soldaten. Durch die Schilderungen von ehemaligen Zwangsarbeitern aus Italien, die in Hildesheim eingesetzt waren, stieß man auf das Massengrab und bat die deutschen Behörden um eine Exhumierung. Das Grab wurde dann am 30. August 1948 unter Aufsicht des Dienststellenleiters des städtischen Friedhofsamtes geöffnet. Es wurden 208 Leichen gefunden. Darunter befanden sich 17 Frauen und 191 Männer, die größtenteils völlig unbekleidet waren. An einigen wenigen war Zivilkleidung oder die Montur der KZ-Häftlinge zu erkennen.

Obwohl das Italienische Rote Kreuz keine neuen Informationen über ihre Vermißten bekam, gab die Öffnung des Massengrabes doch erstmals Aufschluß über das genaue Ausmaß der Hinrichtungswelle durch die Gestapo. Damit wurden zudem entscheidende Hinweise für die Verfolgung der Täter gewonnen. Die Leichen wurden in etwas würdigerer Form wieder in dem Grab bestattet. Ein Stein wurde auf dem Grab errichtet, der die Inschrift „208 Unbekannte“ trägt. Im Jahre 1969 wurde ihm zur Seite ein italienischer Gedenkstein hinzugefügt, der an die zahlreichen italienischen Hinrichtungsopfer erinnert. 



Gedenkstein auf dem Nordfriedhof





Gestapodienststelle Gartenstraße 20                                                                     Markus Roloff


Das Gebäude, in der die Geheime Staatspolizei in Hildesheim untergebracht wurde, war ehemals Eigentum der Hannoverschen
Boden-Kredit-Bank. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten bekam auch Hildesheim eine Dienststelle der Gestapo, die  zunächst noch aus Hannover geführt wurde und erst im Jahr 1935 einen eigenen Dienststellenleiter erhielt.  In der Gartenstraße Nr. 20 arbeiteten jene Beamten, die für Stadt und Landkreis zuständig waren. Der für den Regierungsbezirk verantwortliche Teil der Gestapo hatte hingegen seinen Sitz im Regierungsgebäude am Domhof 1. In den ersten Jahren der NS-Zeit umfaßte die personelle Gesamtstärke etwa 30 Beamte und 70 sonstige Angestellte. Später im Krieg dürfte die Beschäftigtenzahl zeitweise auf etwa 70 Personen gesunken sein, weil gerade die Gestapo viel Personal für die von Deutschland besetzten Gebiete in Europa bereitstellen mußte.




Ausschnitt einer Luftaufnahme von Hildesheim
im März 1945


Hauptziel der Gestapo war die Bekämpfung jeglicher regimefeindlicher Tendenzen, zu deren Zweck sie mit weitgehenden Möglichkeiten ausgestattet wurde. Durch die „Schutzhaft“ konnte die Gestapo völlig eigenständig potentielle Feinde des NS-Systems nur auf Grund eines Verdachtes auf unbestimmte Zeit in Haft nehmen. Mit Beantragung der sogenannten „Verschärften Vernehmung“ war es einem Gestapobeamten möglich, einen Verdächtigen unter Gewaltanwendung zu Aussagen zu bewegen. Während des Zweiten Weltkrieges war schließlich die Gestapo auch für die Überwachung der im Deutschen Reich eingesetzten ausländischen Arbeiter zuständig. Für die „Ostarbeiter“ (Fremdarbeiter aus Rußland) war sie sogar ermächtigt, bei auftretenden Straftaten eigenständig Urteile zu fällen und die Todesstrafe selbst auszuführen.         

Ab 1941 wurde die Hildesheimer Gestapo durch kriegsbedingte Rationalisierungsmaßnahmen als Außendienststelle an die Gestapoleitstelle angegliedert. Sie hatte jedoch weiterhin einen eigenen Dienststellenleiter. Von 1941 bis 1944 führte Kriminalrat Ernst Baumeister die Hildesheimer Gestapo. Sein Nachfolger wurde Kriminalkommissar Heinrich Huck, der die Gestapo in Hildesheim bis zum Kriegsende leitete. Das Gestapogebäude in der Gartenstraße Nr. 20 wurde durch den großen Luftangriff am 22. März 1945 schwer beschädigt. Wenige Tage später wurden hier auf dem Hof des Areals 3 Ausländer verhört, die in der Nacht vom 26. März auf den 27. März auf dem Marktplatz als Plünderer hingerichtet wurden. Ein deutscher Mann wurde in dieser Nacht auf dem Gelände der Gestapo von Heinrich Huck und einem seiner Untergebenen gemeinsam erschossen, weil er ebenfalls der Plünderei verdächtigt wurde. Das Gestapogebäude ist nach dem Krieg vollständig abgerissen worden, so daß heute lediglich ein Stück des Fundaments des Zaunes an der ehemaligen Hofeinfahrt zu erkennen ist.    




Gartenstraße Nr.20 - heute


Güterbahnhof (Einsatz des KZ-Außenkommandos)                                                 Markus Roloff


Der Hildesheimer Güterbahnhof wurde am 22. Februar 1945 durch einen alliierten Luftangriff schwer in Mitleidenschaft gezogen. Da das Schienennetz für die Deutsche Wehrmacht von entscheidender Bedeutung war, wurden schnellstmöglich Instandsetzungsarbeiten eingeleitet. Als zusätzliche Arbeitskraft bekam die Reichsbahn für Hildesheim 500 KZ-Häftlinge zugewiesen, die bei der Aufräumung helfen sollten. Die Juden, die aus einem Außenlager des KZ Groß-Rosen stammten, kamen am 1. März 1945 per Bahn über Bergen-Belsen nach Hildesheim. In den Akten wurden sie in Hildesheim als Außenkommando des KZ Neuengamme geführt. Der Einsatz der Juden auf dem Güterbahnhof wurde von Angehörigen des Hildesheimer Volkssturms überwacht. Diese sogenannte „Judenwache“ bestand aus ca. 100 Männern, die alle ein Gewehr und 10 Schuß Munition bekommen hatten. Die Arbeitszeit der KZ-Häftlinge dauerte 11,5 Stunden pro Tag. Sie mußten Gleise reparieren, Bohlen und Gleise tragen und Waggons entladen. In Folge ihres entkräfteten Zustandes brachen mehrfach am Tag Häftlinge unter dieser Belastung zusammen.



Luftaufnahme des zerstörten Güterbahnhofs
im März 1945


Einige Tage nach Ankunft des KZ-Kommandos erschien der damalige Kreisleiter der NSDAP in Hildesheim auf dem Güterbahnhof. Da der Volkssturm der Partei unterstellt war, ließ Kreisleiter Meyer die Männer der „Judenwache“ vor sich antreten. In einer Rede instruierte er die Männer für ihre Bewachungsaufgaben und das dazu nötige Verhalten gegenüber den Juden. Im Zuge seiner Ausführungen forderte er die Volkssturmmänner dazu auf, sich den Juden gegenüber rücksichtslos zu verhalten und auch vor dem Schußwaffengebrauch nicht zurückzuschrecken. Einige der Volkssturmangehörige ließen sich von den Worten des Kreisleiters nicht beeinflussen und gaben den Juden etwas zu essen. Allerdings befolgte zumindest einige der Männer dann schließlich doch Meyers Anweisungen. Vor allem Hermann Dettmer mißhandelte mehrfach Juden aus dem Außenkommando mit einem Holzknüppel oder seinem Gewehrkolben, bis diese das Bewußtsein verloren. 

Ein junger KZ-Häftling wurde während des Arbeitseinsatzes auf dem Güterbahnhof erschossen. Der aus Ungarn stammende Jugendliche wurde dabei gefaßt, wie er sich in einem der Waggons etwas zu essen nahm. Die Volkssturmmänner brachten den Ergriffenen zu ihrem Vorgesetzten, dem Zugführer Albert Rosin. Dieser beriet sich kurz mit seinen Männern und entschloß sich dann dazu, den Jungen zu erschießen. Rosin zog seine Pistole und tötete den KZ-Häftling mit zwei Schüssen. Die anderen Juden mußten die Leiche danach in einem der Bombentrichter  begraben.




Der Güterbahnhof heute





Marktplatz (Massenhinrichtungen der Gestapo)                                                    Markus Roloff


Durch den verheerenden Luftangriff vom 22. März 1945 und das damit verbundene Chaos in der Stadt kam es im starken Ausmaß zu Plünderungen in Hildesheim. Bürgermeister Georg Schrader in seiner Eigenschaft als örtlicher Luftschutzleiter berief daher am 26. März eine Konferenz im Kreisbefehlsstand zusammen, auf der gemeinsam mit dem Kreisleiter der NSDAP, der Gestapo, der Justiz sowie der Kriminal- und Schutzpolizei das mögliche Vorgehen gegen Plünderer erörtert werden sollte. Als Ergebnis wurde für den Abend des selben Tages eine Razzia angesetzt, bei der die gesamte Stadt nach Plünderern durchkämmt werden sollte. Um 21.00 Uhr wurde durch das herbeigerufene Personal (Mitglieder der NSDAP und anderer Parteiformationen) ein Ring um Hildesheim gebildet, der mit Richtung auf das Stadtzentrum immer enger gezogen werden sollte. Um 2.00 Uhr nachts sollte dann dem Bürgermeister auf dem Marktplatz der Vollzug gemeldet werden. Im Anschluß plante man alle ergriffenen Plünderer an einem vor Ort von der Gestapo errichteten Galgen hinzurichten. Da jedoch bei der Razzia kein einziger Verdächtiger ergriffen wurde, beschloß man statt dessen 3 Gestapohäftlinge, die bereits zuvor als Plünderer verhaftet worden waren, nun auf dem Marktplatz aufzuhängen. Neben den 3 Ausländern, die in dieser Nacht am Galgen starben, wurde zudem ein deutscher Mann von der Gestapo in deren Dienststelle erschossen, weil er der Plünderei verdächtigt wurde. Die Leiche dieses Mannes wurde vor  den Galgen gelegt.



Zwischen Knochenhauer-Amtshaus und
Rolandbrunnen stand der Galgen


Am 27. März setzte die Gestapo tagsüber die öffentlichen Hinrichtungen auf dem Marktplatz fort. Das herzitierte Publikum bestand zumindest zum Teil aus den an den Aufräumungsarbeiten beteiligten Ausländern. Die Gestapo hatte den Marktplatz abgesperrt und ließ die beschuldigten Plünderer jeweils zu dritt aufhängen. Insgesamt starben mindestens 30 bis 50 Personen an diesem Tag auf dem Marktplatz. Die größte Opfergruppe rekrutierte sich aus den in Hildesheim zur Zwangsarbeit eingesetzten ehemaligen italienischen Soldaten. Einer Gruppe Italienern war von Soldaten der Wehrmacht bei Aufräumungsarbeiten in einem Depot in der Wachsmuthstraße erlaubt worden, Lebensmittelkonserven zum sofortigen Verzehr des Inhalts an sich zu nehmen. Da sich einige der Italiener aber Dosen mitnahmen, wurden sie auf dem Weg zu ihrer Unterkunft von einer Streife als vermeintliche Plünderer festgenommen und der Gestapo überstellt. Obwohl die Italiener sich keiner Schuld bewußt waren, führte die Gestapo keine Verhöre durch, sondern brachte die Männer unversehens zum Marktplatz und richtete sie hin. Nach Beendigung der Exekution wurden die letzten Opfer für einige Tage am Galgen zurückgelassen, um den angestrebten Abschreckungserfolg zu gewährleisten.  




Polizei-Ersatzgefängnis (Typhusbaracke)                                                           Markus Roloff


Mitte 1944 richtete die Hildesheimer Gestapo auf dem Gelände des damaligen Zentralfriedhofes ein sogenanntes Polizei-Ersatzgefängnis ein. Als Gebäude wählte man das als Typhus- oder Seuchenbaracke bezeichnete Haus. Die Fenster wurden größtenteils bis auf kleine Öffnungen zugemauert, um eine Flucht der Gefangenen zu verhindern. Darüber hinaus wurde das gesamte Areal in einer Länge von 100m  und breite von 80m umzäunt. In den ersten Kriegsjahren überführte die Hildesheimer Gestapo den Großteil ihrer Häftlinge in das Arbeitserziehungslager Lahde. Dort wurden auch die Hinrichtungen ausgeführt, zu denen die Gestapo bei straffälligen „Ostarbeitern“ aus Hildesheim befugt war.



Vorderansicht des ehemaligen Polizei-Ersatzgefängnisses - heute


Mit Einrichtung des Polizei-Ersatzgefängnisses wurden derartige Hinrichtungen direkt in Hildesheim durchgeführt. Zunächst gestaltete man die Hinrichtungsstätte sehr provisorisch, in dem einfach vor der Südseite des Gebäudes eine eiserne Teppichstange zwischen die Astgabelungen zweier Bäume gelegt wurde. Später wurde der Galgen in modifizierter Form an der westlichen Giebelwand installiert. Dazu wurde dort in etwa 3m Höhe ein Ziegelstein entfernt. In dieser Einbuchtung wurde die Teppichstange aufgelegt, die mit ihrem anderen Ende auf einem Holzpfahl in gleicher Höhe ruhte. Zu den Exekutionen wurde ein Tisch darunter gestellt, auf den die Hinrichtungsopfer steigen mußten. Dann wurde ihnen in der Regel von zwei russischen „Hilfswilligen“ der Gestapo eine Drahtschlinge um den Hals gelegt und danach der Tisch unter den Füßen weggezogen. Die anderen Insassen des Polizei-Ersatzgefängnisses mußten dann im Anschluß zur Abschreckung an den Erhängten vorbeimarschieren.

Wenige Tage vor dem Eintreffen der US-Truppen am 7. April 1945 führte die Gestapo hier noch ein drei Abenden Massenexekutionen durch, bei denen vermutlich sämtliche Gefängnisinsassen und eine Gruppe von ca. 80 Ausländern, die man als vermeintliche Plünderer in der jüdischen Kapelle  eingesperrt hatte, den Tod fanden. Zumindest bei der Hinrichtung der 80 Ausländer, die als letzte am 5. oder 6. April stattfand, führten nicht die „Hilfswilligen“, sondern die Gestapobeamten selbst die Exekution durch.



Seitenansicht - hier befand sich der Galgen

Jüdisches Kinderheim (Februar/Mai 1940 – Juni 1942)                                         Klaus Schäfer


In der jüdischen Volksschule am Lappenberg 21 wurde Anfang des Jahres 1940 ein Kinderheim eingerichtet. Die Gründung dieses Schulheims an der Volksschule hatte zwei Ursachen. Zum einen  gab es rückläufige  Schülerzahlen, da immer mehr jüdische Bürger aufgrund der zunehmenden Diskriminierungen emigrierten. Ende 1939 wurden in der Schule nur noch 10 Schüler unterrichtet. Um eine Schließung der Schule zu verhindern, wurde das Schulheim eingerichtet, in der schon bald Schüler aus Ostfriesland untergebracht wurden.
Vermutlich ist die Gründung des Kinderheims eine Reaktion auf die Vertreibung der Juden aus Ostfriesland im ersten Drittel des Jahres 1940. Diese Vertreibung fand auf Initiative lokaler Machthabe der NSDAP statt – mehr als ein Jahr vor Beginn der Massendeportationen. Dabei sollten jüdische Bürger nach Polen deportiert werden. Da dies zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war, erfolgte auf Vorschlag der Reichsvertretung der Juden eine Umsiedlung innerhalb des deutschen Reiches. Wahrscheinlich kam die Initiative zur Gründung des Kinderheims in Hildesheim ebenfalls von der Reichsvertretung.
Die Umsiedlung von Kindern in das Schulheim in Hildesheim erfolgte im Februar oder März 1940. Die Zahl der Schüler an der jüdischen Volksschule stieg so auf ca. 30 Schüler. Bis Oktober 1941 blieb diese Zahl konstant. Im November 1941 erfolgte ein drastischer Rückgang der Schülerzahl auf 8 Schüler. Die Gründe hierfür liegen wahrscheinlich nicht in der  Emigration von weiteren Familien, da ab den 23.10.1941 ein generelles Emigrationsverbot bestand. Vielmehr ist davon auszugehen, daß sie im mittelbaren Zusammenhang mit den einsetzenden Massendeportationen, die ab Dezember 1941 begannen, stehen. Da der größte
Teil der Schüler nicht aus Hildesheim stammte, ist zu vermuten, daß diese auf amtliche Weisung zu ihren Eltern zurückgeschickt worden, um sie dann gemeinsam zu deportieren.
Wie lange das Schulheim und die jüdische Schule dann noch Bestand hatten ist unklar. Von der ersten Deportation Hildesheimer Juden  im März 1942 waren besonders Kinder und Jugendliche betroffen. Vermutlich war die Schule schon vor dem 30.6.1941 geschlossen. An diesem Tag wurde die Existenz sämtlicher jüdischen Schulen im Reich per Verordnung beendet.



Jüdisches Kinderheim - heute